Bumer

 

«… Wenige Tage nach der Eröffnung der Ausstellung “Vorsicht, Religion!” im Moskauer Sacharow-Zentrum für Frieden, Fortschritt und Menschenrechte Mitte Januar 2003 wurde die Ausstellung von sechs ultraorthodoxen Gläubigen gestürmt, die die Kunstwerke mit Farbe beschmierten und auf sie einschlugen. Zwei von ihnen wurden daraufhin wegen Vandalismus angeklagt, Mitte des Jahres allerdings freigesprochen. Stattdessen wurde Anfang 2004 ein Prozess wegen Volksverhetzung gegen den Direktor des Sacharow-Zentrums, Juri Samodurow, dessen Mitarbeiterin Ljudmila Wasilowskaja und die Künstlerin Anna Altschuk vor dem Strafgericht angestrengt, in dem Ende März das Urteil erging: Samodurow und Wasilowskaja wurden zu jeweils 100.000 Rubeln (2.700 Euro) Geldstrafe verurteilt, da die Ausstellung “verhöhnend, zynisch und gotteslästerlich” gewesen sei. Anna Altschuk wurde freigesprochen. Die als Beweismittel beschlagnahmten Kunstwerke sollen den Künstlern zurückgegeben werden. Erst hatte die Anklage gefordert, sie zu vernichten.»

Die Tageszeitung vom 09.05.2005 

 

«… Als Erster wurde ein Jahr später der Künstler Avdei Ter-Oganjan für eine blasphemische Aktion bestraft. Auf einer Kunstmesse in Moskau bot Ter-Oganjan den Besuchern an, billige Ikonendrucke zu zerstören. Einige Ikonen zerhackte der Künstler dann selbst mit einer Axt. Der als Fundamentalist bekannte Erzpriester Alexander Schargunow bezichtigte Ter-Oganjan der Verunglimpfung der «Rechtgläubigkeit und der russischen Nation selbst». Mehrere Abgeordnete der Staatsduma, Regierungsbeamte und Moskaus mächtiger Bürgermeister Juri Luschkow verurteilten die Performance ebenfalls. Ter-Oganjan wurde aufgrund des Strafparagraphen 282 wegen «Entfachung von nationaler oder religiöser Feindschaft» angeklagt. Beim Prozessauftakt gegen den Künstler riefen militante Rechtgläubige Slogans wie «jüdischer Faschist!». Ter-Oganjan, dem eine mehrjährige Haftstrafe drohte, verliess Russland und erhielt in Tschechien politisches Asyl. Ein anderer Künstler suchte wenig später ebenfalls Asyl im Ausland. Nach einer Selbstkreuzigungsaktion wurde Oleg Mavromati aufgrund desselben Strafparagraphen angeklagt und musste nach England fliehen.» 

Neue Zürcher Zeitung vom 27.08.2006 

 

 

Bumer. Novosibirsk 2004-05

Bumer. Novosibirsk 2004-05

 

Obwohl wir auf den marktgebundenen Kunstdiskurs verzichtet haben, konnten wir diese Angriffe der Kirche nicht ignorieren. Im Gegensatz zu zahlreichen Artikeln vor allem von moskauer Kunstwissenschaften und Philosophen, in denen sie ihre Enttäuschung und Fürchte ausdrückten, war es für uns ein Anlass zur Antwort und Reaktion. Wichtig dabei war nicht im vorhandenen Diskurs mitzuwirken, sondern aus der Sprache des Gerichtes heraus zu gehen. In der christlichen Tradition gibt es seit langem die Möglichkeit für alle Menschen zu Ostern die Glocken zu läuten. Da die orthodoxe Kirche alle Menschen gleich stellt und für alle offen ist, die sich dem Glauben anschliessen wollen, haben wir dies als Eigenschaften der neuen Ausdrucksmittel angenommen. 

Als Message wurde Melodie «Bumer» gewählt, die zur damaligen Zeit jeder zweite als Klingelton auf dem Handy hatte oder einfach kannte. Die Melodie stammt aus dem gleichnamigen Film, der über eine Geschichte von vier zeitgenössischen russischen Banditen berichtet - sie fahren einen schwarzen BMW (Bumer) ins Niemandsland und schliesslich verlieren sie alles, was sie hatten, und werden erschossen. Diese Melodie haben wir mit Glocken geläutet und dabei war die Kirche unser Ausdrucksmittel, da die Aktion einen unmittelbaren Bezug auf Kirche hatte. 

Die Aktion haben wir zweimal durchgeführt. Im Mai 2004 erfolgte unsere Geste ohne Erlaubnis der Kirchenangestellten und dauerte etwa 5 Minuten, bis der wütende Pope sich durch die versperrte Lücke durchgeschlagen hat. Er hat uns angeboten, zur Polizei zu spazieren. Damals wussten wir schon, wie man mit bösen Pfaffen umgeht und haben das Angebot angenommen. Als wir aus der Kirche rausgegangen sind, hat jeder seine Richtung genommen und der Pfaffe ist wahrscheinlich allein zur Polizei gelatscht.

Im Jahr 2005 realisierten wir alles mit einer Erlaubnis und mit einer Videokamera.